Mittwoch, 10. Juli 2013

[Rezension] Ina Jung / Christoph Lemmer - Der Fall Peggy



Leseprobe



Eckdaten:
Gebundene Ausgabe: 344 Seiten
Verlag: Droemer (2. Mai 2013)
Sprache: Deutsch
ISBN-10: 3426276119
ISBN-13: 978-3426276112
Größe und/oder Gewicht: 21,8 x 15 x 3 cm

Inhalt gem. Droemer-Verlag:
Ein Fall, der das ganze Land bewegt: 2001 verschwand
die 9-jährige Peggy Knobloch aus dem oberfränkischen Lichtenberg spurlos. Der geistig zurückgebliebene Ulvi Kulac wurde wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt. Es gab keine Zeugen, keine DNA, keine Blutspuren, keine konkreten Beweise und vor allem – keine Leiche. Ina Jung und Christoph Lemmer, die über viele Jahre den Fall investigativ recherchiert haben, weisen nun nach, dass die Polizei gezielt auf die Verurteilung von Ulvi Kulac hingearbeitet hat – nicht, weil er der Täter war, sondern damit der Fall endlich zu den Akten gelegt werden kann. Kein Justizirrtum, sondern – schlimmer – ein systematisches Fehlurteil auf Betreiben von Politik und Justiz. Doch es gibt Hoffnung: 2013 wird das Verfahren wieder aufgenommen, auch dank der Recherchen des Autorenduos. Ina Jung und Christoph Lemmer erzählen in diesem Buch den Fall Peggy neu und mit bisher unbekannten Fakten – und decken eine beklemmende Wahrheit auf.

Zum Buch:
Der 07.Mai 2001 war kein Tag wie jeder andere, schon gar nicht für die 9-jährige Peggy Knobloch. An diesem Tag verschwand Peggy spurlos. Eine groß angelegte Suche nach dem Mädchen verlief bis heute ergebnislos. Keine Leiche, keine Erpressungsforderungen, keine Ergebnisse bis heute.
Das Städtchen Lichtenberg in Oberfranken rückt in den Fokus der Nachrichten. Nahezu jeder wird nach Hinweisen zum Mädchen, deren Umfeld und deren Familie befragt. Lange Zeit steht ihr türkischer Stiefvater Ahmet Yilmaz in Verdacht, bis dieser nicht mehr gehalten werden kann.
Dann endlich hat die 2. gebildete Soko einen geständigen Täter - Ulvi Kulac, einen geistig zurückgebliebenen 24-jährigen Mann. Es beginnt ein Prozess ohnegleichen, in dem es darum geht, gewonnene Ermittlungsergebnisse an den Täter anzupassen ...

Mit diesem Buch hält man ein Werk in den Händen, dass niemanden kalt lässt. Schon die Tatsache an sich, dass ein Kind verschwindet, ist schlimm und nicht nur für alle Beteiligten unfassbar, was aber anschließend bei der Suche nach dem Schuldigen geschah und während des Prozesses, spottet jeder Beschreibung.
Während der Ermittlungen gibt es mehrere Thesen, die aufgestellt werden. Wollte Peggy weg von ihrer Mutter oder dem Stiefvater, der sie prügelte? Ist sie, als sie gesehen wurde, wie sie in ein Auto stieg, ein Missbrauchsopfer geworden oder ist sie gar nach Tschechien verschleppt worden, um dort an einen Zuhälter zu geraten?

Nachdem die Soko 1 mit keinem Täter aufwarten konnte, wird eine Soko 2 gebildet, mit der die Befragungen von vorn beginnen. 
Nachdem diese mit Ahmed Yilmaz keine geständige Person vorweisen können und sein Alibi stichfest ist, schießen sie sich auf Ulvi Kulac. Unter höchst dubiosen Umständen erhalten sie von ihm ein Geständnis, auf das sie ihn festnageln, obwohl er es später widerruft.
Alle recherchierten Ermittlungsergebnisse werden so konstruiert, dass sie passend auf Ulvi zutreffen. Hinweise, dass Peggy zu späterer Zeit als dem von der Polizei festgelegten Todeszeitpunkt, von mehreren Personen noch gesehen wurden, wurden dem Gericht gar nicht erst vorgelegt oder als nicht wichtig erachtet. 
Seitens der Ermittler gibt es einen festgelegten Tathergang, von dem auch durch Zeugenaussagen nicht abgewichen wird.

Der anschließende Prozess ist eine Farce. Dem Gericht stehen nicht alle Unterlagen zur Verfügung, was nicht stimmig war, wurde dem Gericht nicht vorgelegt. Selbst die Tatsache, dass ein Geständnis nur dann vor Gericht zugelassen ist, wenn es vor einem Richter geäußert wurde, wird umgangen.

Das Autorenduo Ina Jung und Christoph Lemmer hat sich intensiv mit dem Verschwinden von Peggy beschäftigt. Was dabei zu Tage kommt, haben sie in diesem Buch aufgeschrieben. Widersprüche und fehlende Hinweise fanden sie noch nach Jahren des Verschwindens von Peggy. 
Da fragt man sich als Leser nicht nur einmal, wieso gab es zur damaligen Zeit keinen kompetenten Vertreter, der darauf aufmerksam gemacht hatte? Weder die Polizei noch das Gericht oder gar die Presse haben Anstalten gemacht, der wirklichen Wahrheit auf den Grund zu gehen. Die Öffentlichkeit forderte einen Schuldigen und der wurde ihr präsentiert. Dass es sich dabei aller Wahrscheinlichkeit um einen konstruierten Täter handelt, war dabei völlig egal.

Ein Kapitel des Buches bezieht sich auf das Thema, wie die Polizei Geständnisse produziert. Es macht Angst, wirklich Angst. Einige andere Beispiele neben dem vom Verschwinden Peggys werden benannt, wo es auch anders geht, aber es gibt auch Beispiele, wo eindeutig ein Fehlverhalten der polizeilichen Ermittlungen, der Staatsanwaltschaft und des Gerichts zu erkennen ist.
Dieses Buch ist ein Hinweis auf die absolute Inkompetenz der zuständigen Behörden, die im Fall Peggy ermittelt haben. 
Nachdem die Ermittler sich auf ihren Täter eingeschossen haben, wurde nicht mehr ernsthaft nach dem wahren Täter gesucht. Die beiden Autoren sind auf eine Person gestoßen, die ebenfalls infrage gekommen wäre, aber die Ermittlungen wurden in diese Richtung eingestellt, weil man ja bereits einen "geständigen" Täter hatte.

Unglaubliches hat man nach der Lektüre des Buches an Wissen aufgenommen. Es zeigt einen Rechtsstaat, der es mit Recht und Gesetz unter Druck nicht so genau nimmt. Es wurden gravierende Fehler gemacht, Geständnisse unter Druck erpresst, Aussagen wurden widerrufen, weil sie der Polizei nicht gefielen.
Das Vertrauen in diesen Rechtsstaat kann man mit solchen Machenschaften nicht aufrecht erhalten. Wem kann man denn überhaupt noch trauen, wenn selbst die, die für Ordnung und Sicherheit sorgen sollen, sich die Wahrheit zurecht biegen?
Ich für meinen Teil bin wirklich entsetzt über das, was ich erfahren habe und es macht mich nachdenklich.
Man kann wirklich nur hoffen, dass man nie schuldlos in das Getriebe dieses Rechtsstaates gelingt, denn dann hat man garantiert verloren.



Bewertung:




Zu den Autoren:
(Texte übernommen vom Klappentext des Buches)
Ina Jung:

Geboren in Gronau / Westfalen, studierte sie Anglistik und Germanistik. Sie arbeitet als Journalistin für Printmedien und seit 1987 als Regisseurin und Filmautorin von Reportagen und Dokumentationen beim Bayrischen Fernsehen. 2012 erhielt sie den Bayerischen Fernsehpreis für das Drehbuch zu dem auf dem Fall von Peggy Knobloch basierenden Spielfilm "Das unsichtbare Mädchen", das sie gemeinsam mit Friedrich Ani schrieb.

Christoph Lemmer:
Geboren wurde er 1961 in West-Berlin, studierte BWL und arbeitet seit 1980 als Journalist für Printmedien und Hörfunk. Er ist als Reporter für Antenne Bayern tätig und hat über den Fall Peggy bereits eine mehrteilige Exklusiv-Reportage für den Radiosender produziert.

 An dieser Stelle möchte ich mich recht herzlich bei der 



bedanken, die mir das Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben.


Danke, dass ihr vorbei geschaut habt

1 Kommentar:

Mella Ludes hat gesagt…

Da ihr euch immer so viel Mühe gebt mit allen Challenges:
http://lus-buchgefluester.blogspot.de/2013/07/gefluster-bucher-und-mehr.html